Das böse F-Wort

„Athletik ist eine fundamentale Grundvoraussetzung jeder Kampfkunst, also auch des historischen Fechtens.“

 

Ich bin mir sicher, dass ich mit diesem Satz soeben bei etwa einem Drittel der Leser angeeckt bin. „Och nee, der Schneyer wieder mit seinem Fitness-Tick!“. „Solange ich ein guter Kämpfer bin, geht meine Fitness nur mich etwas an“. „Nur weil ich ein paar Kilo zu viel habe, kann ich doch trotzdem Schwertkampf machen!“. „Paulus Kal war auch dick!“.

OK, zumindest der letzte Satz ist originell und richtig. Trotzdem kann ich mich nicht des Eindrucks erwehren, dass man mit den Themen Fitness und Körperkomposition viele Liebhaber unseres Hobbys triggert. Es ist erstaunlich, dass ein banales Statement, inhaltlich gleichsam eine Binsenweisheit, zwar vordergründig von allen Aktiven mitgetragen, aber dann doch häufig im Laufe der darauf folgenden Diskussionen relativiert, ausgehöhlt und sogar direkt angegriffen wird. Fitness – also eine Sache, die sich in vielen anderen Sportarten, insbesondere in Kampfsportarten, von selbst versteht – erzeugt bei einem nicht geringen Teil der Diskutanten Unwillen und emotionale Abwehrreflexe. Woran liegt das?

Zuerst einmal ist Fitness etwas, das jeden ganz persönlich betrifft. Mehr als jeder zweite Deutsche war 2013 zu dick, 43% aller Kinder erreichen heutzutage bei einer Rumpfbeuge die eigenen Füße nicht mehr und Diabetes Typ 2 gilt inzwischen als Volkskrankheit mit stetiger Steigerungsrate. Konträr dazu schießen in den Großstädten Fitnessangebote aller Art wie Pilze aus dem Boden, Diätratgeber und Internetforen erleben einen Boom sondergleichen und mancher Bodybuilding-Youtuber kann von seinen Werbeeinahmen leben. Die Industriegesellschaften erleben also eine Spaltung ihrer Bevölkerungen in eine extrem überforderte, unfitte Mehrheit und in eine gut informierte, ziemlich fitte Minderheit. Zugleich sind kritisch geführte Diskurse über Schönheitsideale, Rollenbilder und Bodyshaming in aller Munde. Vor diesem Hintergrund wächst der Druck auf das Individuum, sich zu positionieren. Das Thema ist für viele Menschen diskursiv aufgeladen und emotional stark vorbelastet. Für den Kampfkunstlehrer bedeutet dies, dass er sich schnell auf dünnes Eis begibt, wenn er den allgemeinen körperlichen Zustand seiner Schüler thematisiert. Er muss zwischen den persönlichen Empfindlichkeiten einerseits und den wissenschaftlichen Fakten sowie den kämpferischen Notwendigkeiten andererseits vermitteln.

Der Autor: Torsten Schneyer, Stahlakademie „Als HEMA-Lehrer mit bis zu sieben Trainingseinheiten in der Woche ist mein Körper großen Belastungen unterworfen. Fitness und Gesundheit sind daher Pflicht. Ich absolviere, zusätzlich zur Fechterei, möglichst zwei mal pro Woche ein intensives Krafttraining, wobei eines davon ein klassisches Hanteltraining im Gym und das zweite ein Intervalltraining an der frischen Luft ist. Meine Ernährung ist nichts Besonderes: Ich achte darauf, meinen Kalorienbedarf nicht dauerhaft zu überschreiten, berücksichtige den erhöhten Proteinbedarf, den Sportler haben und versuche im Alltag auf Zucker und andere kurzkettige Kohlehydrate zu verzichten.“

Der Autor: Torsten Schneyer, Stahlakademie
„Als HEMA-Lehrer mit bis zu sieben Trainingseinheiten in der Woche ist mein Körper großen Belastungen unterworfen. Fitness und Gesundheit sind daher Pflicht. Ich absolviere, zusätzlich zur Fechterei, möglichst zwei mal pro Woche ein intensives Krafttraining, wobei eines davon ein klassisches Hanteltraining im Gym und das zweite ein Intervalltraining an der frischen Luft ist. Meine Ernährung ist nichts Besonderes: Ich achte darauf, meinen Kalorienbedarf nicht dauerhaft zu überschreiten, berücksichtige den erhöhten Proteinbedarf, den Sportler haben und versuche im Alltag auf Zucker und andere kurzkettige Kohlehydrate zu verzichten.“

Ein weiterer Grund für die in der Szene verbreitete Athletik-Phobie ist die Geschichte des aktuellen HEMA-Revivals. Die Ursprünge der heutigen historischen Fechterszene liegen im Reenactment der 90er und 10er Jahre, denn die ersten HEMA-Vereine Europas waren oft Ableger von darstellenden Mittelaltergruppen oder hatten zumindest große personelle Schnittmengen mit solchen. Ein starker Mitgliederzustrom kam außerdem, durch Kinofilme und Romane befeuert, aus der Larp-Szene und der Nerdkultur. Sind diese Subkulturen nun per se schon nicht unbedingt Keimzellen der Sportlichkeit, sind sie außerdem ein Hinweis auf das Motiv, warum man sich dem Schwertfechten überhaupt erst zuwendet. Viele Trainer werden zugeben müssen, dass damals wie heute viele Neuzugänge nicht primär zu ihnen kommen, um sich anzustrengen und an ihrer Physis zu arbeiten, sondern eher deshalb, weil Schwerter, Schwertkampf und der ganze historische und martialische Nimbus eine große atmosphärische Anziehungskraft ausüben. Der Realitätscheck kommt für diese Leute oft bereits beim Probetraining und der schwierigen körperlichen Anpassungszeit danach. Verantwortungsvolle Lehrer nehmen diese Herausforderung gerne an und geben sich große Mühe, aus schwertbegeistertem Nerds schwertbegeisterte Athleten zu machen. In ihren Schulen herrscht ein großer, in der Regel positiver Motivationsdruck zu mehr Fitness und Bewegungskompetenz. Auch in „unserem“ Sport gibt es inzwischen viele gute Ansätze: Viele Schulen und Trainingsgruppen integrieren Kraft- und Konditionsübungen schon lange fest in ihr regelmäßiges Training. Lehrer wie Christian Eckert und Dave Rawlings experimentieren mit historischen Kraftsportmethoden oder Sport-unterstützenden Ernährungsformen. Leute wie Alex Bourdas schreiben Artikel wie diesen hier. Ich selbst halte große Stücke auf HIIT und Old-Scool-Hantelsport, predige seit langem das Fitness-Evangelium und schleife meine armen Schüler auch bei Regen und Schnee in den Park zum Workout, gerne auch mal ganz ohne Schwert.

Leider sind nicht alle Lehrer in diesem Punkt so enthusiastisch, und das hat ebenfalls etwas mit der Genese der HEMA-Szene zu tun. Denn diese erschuf sich, quasi im luftleeren Raum, mehr oder weniger von selbst, meist ohne Initiative aus bestehenden Sportverbänden heraus. Auch wenn es zurzeit einige Bestrebungen gibt, das historische  Fechten stärker zu institutionalisieren (Stichwort: Dachverband), ändert das nichts daran, dass sehr viele Trainer Autodidakten sind und ihre Sportlehrerkompetenz bestenfalls im Eigenstudium und durch das jahrelange Herumstreunern durch die Workshop-Landschaft erworben haben (Anm.: Das ist übrigens bei mir auch nicht anders!). Einige Trainer waren freilich bereits gute Sportler und Kampfkünstler bevor sie zum historischen Fechten kamen, viele andere dagegen nicht. Und das sieht man leider auch. Weiterlesen

Schwerter auf dem Untersuchungstisch

Die Kampfkunst unserer Ahnen ist, das kann man nicht oft genug betonen, ein Allkampfsystem, das sich aus sehr vielen unterschiedlichen Waffenkünsten sowie dem Reiten und dem Ringen zusammensetzt. Dennoch ist es der Schwertkampf, der heute im Zusammenhang mit Fechtschulen wie der Stahlakademie sowohl nach außen hin am stärksten wahrgenommen-, als auch nach innen hin am intensivsten gepflegt wird. Dies hat zwei Ursachen: Zum einen kann gerade das Lange Schwert als DIE Kernwaffe aller spätmittelalterlichen Kampfkünste, insbesondere der Liechtenauer-Tradition, gelten. Historische Fechtbücher scheinen ihre didaktischen Systeme rund um das Langschwertfechten herum aufzubauen. Zum anderen gibt es soziopsychologische Gründe für die aktuelle Beliebtheit des Schwertes, die nicht zuletzt in einer starken symbolischen Aufladung der „Waffe Schwert“ zu suchen sind, welche durch die moderne Popkultur in Form von Literatur, Kino und Spielen geradezu erdrückend geworden ist. Am Schwert kommt auch im 21. Jahrhundert anscheinend niemand vorbei.

Für uns historische Fechter sind, abgesehen von solcherart zweifelsohne romantischem Interesse abgesehen, Schwerter vor allem Werkzeuge. Um die alten Schwertkünste so effizient wie möglich zu trainieren, bedarf es nicht nur seriösen Quellenstudiums, guten Trainingsmöglichkeiten und viel Schweiß und Einsatz, sondern auch guter Trainingsgeräte. Training und Waffe sind hier untrennbar miteinander verbunden. Was aber ist überhaupt ein „gutes Schwert“?

Obwohl die internationale HEMA-Szene inzwischen auf ein erfreulich breites Spektrum an Equipment-Produzenten zugreifen kann, ist hier noch längst nicht das letzte Wort gesprochen. Um nur einige kritische Punkte zu nennen: Wie viele Kampfsportarten steht auch das historische Fechten im Spannungsfeld zwischen „echter“ (letal intendierter) Kampfkunst einerseits und dem Wettbewerbssport andererseits …und damit überraschenderweise auch eine historische Realität ab, die es bereits im Spätmittelalter gab. Grob vereinfacht kann man sagen, dass turnierorientierte Sportfechter eher leichte, schnelle Waffen (und Fechtstücke!) bevorzugen, mit denen man maximal schnelle Kombinationen fechten und gut „punkten“ kann, während Kampfkünstler auch am Schadenspotenzial, also an Eigenschaften wie Laufruhe, Impact in das Band und (im Falle scharfer Repliken) Schnittfähigkeit eines Schwertes interessiert sind. Dazwischen gibt es natürlich auch „Mischtypen“ aller Art und allesamt gehorchen sie den gleichen physikalischen Gesetzen, die je nach Anwendungsfall anders ausgenutzt werden. Nicht unerwähnt sollte man hierbei die Tatsache lassen, dass nicht nur die moderne Turnierfechterei ein gewisses Potenzial zur Verzerrung der historischen Realität hat, sondern dass auch die Kampfkunst-Fraktion mit ihren Interpretationen alter Fechtmanuale noch oft genug daneben liegt. Falsche Technik wiederum führt natürlich auch zu falschen Anforderungen an das Equipment. All diese Ansprüche der Gemeinde erzeugen „Moden“ in der produzierenden Handwerkerzunft und beeinflussen die Art, wie ein modernes Trainingsschwert konzipiert wird.
Problematisch ist in diesem Zusammenhang dann die Tatsache, dass viele Schmiede keinen Zugang zu Originalschwertern haben und ihre Produkte nach dem Augenschein und nach groben Zahlen erstellen. Wie groß die Verzerrung der Historie sowohl hinsichtlich sowohl der Waffen als auch der Kampfkunst durch die moderne HEMA-Szene tatsächlich ist, ist nur sehr schwer zu beurteilen, aber ich tendiere zu der vorsichtigen Aussage, dass wir historischen Fechter hier, vergleichen mit anderen Kampfkünsten, deutlich seriöser und transparenter agieren.
Trotzdem (oder gerade deswegen) schadet es nicht, sich regelmäßig an der Realität zu „erden“. Meiner Meinung nach führt deshalb an der Untersuchung alter Originalwaffen absolut kein Weg vorbei. Nur, wenn wir die alten Werkzeuge der Kunst studieren, ihren Aufbau, ihre Produktionsweisen und ihre Physik verstehen, können wir die Anleitungen aus den Fechthandschriften richtig beurteilen. Und mehr als das: an dieser Stelle möchte ich anmerken, dass ich nicht nur den funktionellen, sondern auch den ästhetischen Zugang von Leuten wie Peter Johnsson sehr schätze. Schwerter sind auch Kunst, und in ihrer Kunst manifestiert sich der Geist einer Epoche. Daraus folgt: Nur, wenn wir die Ästhetik und Symbolkraft echter Schwerter in uns aufnehmen, bekommen wir auch auf sinnlicher, emotionaler Ebene ein Gefühl für die Bedeutung des Schwerts in der Kultur unserer Vorfahren.

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Von Falken und Blindschleichen

Falkenauge

Das “Falkenauge” Paulus Kals.

„Ich hab augñ als ein valk das mã mich nit beschalk“ radebrecht Paulus Kal ungefähr 1470 in seinem Fechtbuch, dass uns heute unter der Bezeichnung Cgm 1507 erhalten geblieben ist.

Die Augen eines Falken sollen uns also davor behüten, uns von unserem Gegner hereinlegen zu lassen. Nun bringe ich persönlich zwar von Haus aus die passende Adlernase mit, doch geht es mir wie über 60% aller Deutschen: mit meiner Sehfähigkeit ist es nicht allzu gut bestellt. Ehrlicher formuliert könnte man auch sagen: Ich bin blind wie ein Maulwurf im Blitzlichtgewitter. Nicht nur habe ich eine krasse Asymmetrie hinsichtlich meiner Sehschärfe (-2,5 Dioptrien auf der linken –  und beinahe -6 Dioptrien auf der rechten Seite) und dadurch eine eingeschränkte dreidimensionale Wahrnehmung, mein rechtes Auge hat dazu noch eine um ca. 10% reduzierte Sehstärke nebst einiger blinder Flecken im Sichtfeld. Ich weiß also sehr gut, wovon ich rede, wenn ich einen Blogartikel über das historische Fechten mit optischem Handycap verfasse.

Dennoch bin ich als Trainer ziemlich gnadenlos, wenn es darum geht, meinen Schülern auf dem Fechtboden die Brillen wegzunehmen. Bevor wir uns falsch verstehen: Natürlich nicht immer und grundsätzlich! Bei vielen Übungen sind Brillen OK und erlaubt. Auch ich trage ab und an mein antikes Nasenfahrrad, während ich eine Trainingsstunde halte. Aber es gibt viele Situationen, in denen die Brillen wirklich stören. Das geht schon beim Aufwärmen los, weil wir Stahlakademiker uns sehr oft nicht einfach durch die üblichen Turnübungen auf das Training vorberreiten. sondern auch kampfbezogene, kompetative Spiele mit Körperkontakt schätzen. Niemand mag Softbälle oder die Hände anderer Fechter im Gesicht, doch mit Brille werden solche -bei uns unvermeidbaren- Situationen noch unangenehmer. Gar nicht zu sprechen vom Ringen! Das Ringen mit all seinen Griffen und der dazugehörigen Fallschule –sowie das von uns ebenfalls geschätze Boxtraining- ist absolut Brilleninkompatibel.

Am stärksten werden die Einschränkungen für Brillenträger im Freikampftraining spürbar. Nicht nur, dass hierbei in der Stahlakademie grundsätzlich Ringtechniken und auch allerhand Faustschläge erlaubt sind: Das harte Auftreffen von Schwertern, Fäusten und Ellenbogen auf der Fechtmaske ist dazu geeignet, nicht nur die Brillen zu beschädigen, sondern –schlimmer noch- auch das dahinterliegende Auge DURCH die Brille. In Einzelfällen kann eine Brille tatsächlich  zum Sicherheitsrisiko werden, Maske hin oder her.

Welche Möglichkeiten bieten sich also den Grottenolmen unter uns Kämpfern, um mit dem Problem kompetent umzugehen?

Kontaktlinsen

Kontaktlinsen sind natürlich die am nächsten liegende Lösung. Leider kursiert hinsichtlich dieser kleinen transparenten Helferlein sogar unter Sehbehinderten nach wie vor allerhand Halbwissen und Unfug. Eine unausrottbare urbane Legende scheint zu sein, dass es sich bei Kontaktlinsen um aufwendige Raketentechnik mit dem Gegenwert eines gotischen Plattenharnischs handelt. Vergoldet, versteht sich. „Zu teuer!“ höre ich oft, oder „die verliert man doch andauernd“. Dieses Missverständnis rührt von der Existenz harter Kontaktlinsen her, die tatsächlich nicht ganz billig sind, aus dem Auge fallen können und dann unter Umständen auf dem Boden zerschellen (been there, done that). Was aber viele nicht wissen: Weiche Kontaktlinsen sind im Gegenzug sehr anschmiegsam und legen sich ziemlich anhänglich an unsere Augäpfel. Und was anscheinend noch weniger Leute wissen: Es gibt sehr günstige Monats- und sogar Zwei-Wochen-Linsen, die man sich als Wegwerfware zulegen kann. Man lässt sich beim ersten Besuch des Optikers die aktuellen Sehrwerte ausmessen und kann mit diesen dann immer wieder neuen Nachschub kaufen.

Kontaktlinsen

Kontaktlinsen: Sehr kampfkunstfreundlich und ziemlich günstig.

Ich selbst trage zum Training oft die weiche Zwei-Wochen-Variante. Und zwar NUR  zum Training, denn außerhalb des Fechtbodens bevorzuge ich meine Franz-Schubert-Gedenkbrille. Der springende Punkt hierbei ist: Die Kontaktlinsen kosten mich läppische 10.-€ pro Paar, und weil ich sie nicht im Alltag, sondern nur zum Training trage, halten sie weitaus länger als die vom Hersteller versprochenen zwei Wochen. Man kann solch ein Paar bei guter Pflege bequem bis zu drei Monate ausreizen. Bei diesem günstigen Preis macht es auch nichts, wenn man doch mal eine Linse verliert (bei mir passiert das nicht beim Fechten, sondern meist unter der Dusche. Oder ich versäume es, die Aufbewahrungsbox richtig zu verschließen, was zur Austrocknung der Linsen führt) und ich habe immer einen kleinen Vorrat daheim.

PRO: Die Vorteile sind nicht nur der geringe Preis, sondern auch ein absolut freies Gefühl beim Fechten. Mit Kontaktlinsen hat man beste Sicht auch in den haarigsten Kampfsituationen, ganz so als hätte man gar keine Sehbehinderung. Für mich also die ultimative Sehhilfe zum Sport!

CONTRA: Auf der Seite der Nachteile ist ein gewisser Pflegeaufwand: Reinigt man die Linsen nicht richtig oder bewahrt sie falsch auf, verbringt man die Trainingsstunde als heulender Allergiker mit roten Augen. Auch ist es nicht jedermanns Sache, die Dinger an- und wieder abzulegen. Man mag ein harter Schwertkämpfer sein, aber beim kaltblütigen Griff zum eigenen Augapfel hört für so manchen Freund gefährlicher Metallgegenstände der Spaß auf…

 

Sportbrille

Ältere Semester, die in den 70er- und 80er Jahren sozialisiert wurden, verbinden mit dem Begriff „Sportbrille“ vielleicht eine normale Brille mit einem etwas stärker gebogen Bügel und einem daran befestigten dicken Band. Diese Ausführung meine ich nicht, ich spreche natürlich von modernen Sportbrillen. Auch hier gibt es große Unterschiede und nicht jedes Modell halte ich in unserem Sinne für tauglich. Sportbrillen, die ich für den Kampfsport empfehle, sind von etwas robusterer Natur und haben keine Bügel, sondern ein breites Band. Sie bestehen aus einem breiteren Rahmen eines sehr festen, bruchsicheren Kunststoffes und liegen direkt am Gesicht auf. Hierin ähnlichen sie Sicherheitsbrillen aus dem Labor oder handwerklichen Betrieben. Diese Brillen verbiegen sich nicht bei einem unglücklichen Zusammenstoß und durch die breite Auflagefläche wird die kinetische Energie des Treffers auf eine vergleichsweise große Fläche des Gesichts übertragen. In dieser Hinsicht sind Sportbrillen sozusagen „kleine Fechtmasken für die Augen“.

Für konservative Gewohnheitstiere: Die Sportbrille.

Für konservative Gewohnheitstiere: Die Sportbrille.

Durch ihre etwas klobige, maskenhafte Optik sind Sportbrillen nicht für den Alltag gedacht, aber für ein ordentliches Training oder ein Wochenendseminar sind sie allemal gut. Man bestellt sie, genau wie ein normales Brillengestell, beim Optiker oder im Internet. Die Gläser werden auf Bases der Sehwerte angefertigt und in das Gestell der Wahl montiert. Die Preise sind moderat und variieren stark irgendwo zwischen 60.-€  und 200.-€, je nach Marke.

PRO: Sportbrillen sind ideal für Fechter mit Kontaktlindenphobie, denn sie unterscheiden sich in ihrer Verwendung in Nichts von dem, was ihr Benutzer sonst gewohnt ist: Alltagsbrille ausziehen, Sportbrille anziehen! Positiv ist außerdem, dass man sie bequem und sicher unter der Maske tragen kann. Ist man ein weit fortgeschrittener Fechter und hat sich ein besonders robustes, vertrauenswürdiges Modell zugelegt, bekommt die Nutzung der Sportbrille sogar noch eine zusätzliche Dimension: Bei schnellen Technikübungen oder langsamen Freikampf ohne jede Schutzkleidung (Inzwischen gibt es Fechter, die dies sogar mit scharfen Schwertern pflegen) ist eine Sportbrille unter Umständen der Gegenstand, der im Fall eines Unglückstreffers über den Verbleib des Augenlichts entscheidet.

CONTRA: Der Nachteil einer Sportbrille ist der, dass es sich nach wie vor um eine Brille handelt. Auch Sportbrillen können verrutschen (wenn auch nicht so leicht wie normale Brillen) und beim Ringen sind sie auch nur bedingt brauchbar. Nicht zuletzt sind sie ein weiterer Gegensand in der Sporttasche und man kann sie in der Fechthalle vergessen.
Und ein weiterer Nachteil soll nicht verschwiegen werden: Unter bestimmten Umständen können Sportbrillen von innen anlaufen, vor allem dann, wenn starke Temperaturunterschiede (Training im freien, schweißtreibender Freikampf) im Spiel sind. Zwar haben die meisten Modelle entsprechende Öffnungen zur Ventilation, aber dennoch habe ich mehrfach Fechter mit vernebelten Sportbrillen gesehen.

 

Training ohne Sehhilfe

Im letzten Drittel  dieses Artikels möchte ich die Leserschaft auf eine weitere Möglichkeit hinweisen, die leider viel zu wenig beachtet wird und die ich an dieser Stelle gerne zur Diskussion stellen möchte: Der komplette Verzicht auf Sehhilfen im Training! Klingt das unsinnig oder gar gefährlich? Mag sein, ist es aber keineswegs!

Als ich vor ungefähr 20 Jahren durch den Kendo-Sport meine ersten Berührungen mit bewaffnete Kampfkunst hatte, schärfte uns unser Sensei etwas ein, was er „unfokussiertes Sehen“ nannte. Es ging ihm dabei darum, mit dem eigenen Blick weder der Waffe des Gegners zu folgen, noch sich durch das Anstarren bestimmter Details ablenken zu lassen. Er erklärte mir, dass es darauf ankäme, den Gegner als Ganzes zu erfassen, seine Bewegungen instinktiv und ohne bestimmten Aufmerksamkeitsfokus wahrzunehmen.
Der Samurai und Schwertfechtmeister Miyamoto Musashi schreibt dazu in seinem historischen „Buch der Fünf Ringe“: „Noch wichtiger ist der Satz: Das Langschwert des Gegners erkennt man, aber man sieht es nicht, nicht im geringsten. Dieser Blick ist der gleiche in der kleinen Kampfkunst gegen einen (Anm.: Musashi meint damit das Duell Mann gegen Mann) wie in der großen Kampfkunst gegen viele. Ohne die Augäpfel zu bewegen, soll man beide Seiten, rechts und links, im Blick behalten.“

In den europäischen Quellen zum Schwertfechten habe ich zu diesem Thema, außer impliziten, indirekten Hinweisen, leider wenig gefunden. Trotzdem möchte ich jedem praktisch veranlagten Leser diese instinktive Art des Sehens, welche übrigens auch jedem traditionellen Bogenschützen bekannt sein dürfte, dringend ans Herz legen!

Meine Gegner sehe ich oft nur so: Verschwommen. Doch das ist volkommen ausreichend!

Meine Gegner sehe ich oft nur so: Verschwommen. Doch das ist volkommen ausreichend!

Denn tatsächlich kann es uns vom Wesentlichen des Kampfgeschehens ablenken, wenn wir uns zu sehr auf den optischen Aspekt konzentrieren. Jeder halbwegs erfahrene Fechter starrt daher nicht auf die gegnerische Waffe (Das berühmte Liechtenauer-Zitat „Wer nach geht Häuen darf sich Kunst wenig freuen“ könnte man auch, zugegeben etwas frei, dementsprechend auslegen), sondern nimmt seinen Gegner diffus, aber dafür ganzheitlich als komplexes Konglomerat aus Haltung, Intention, Bewegung… und vor allem aus Kräften war. Und wenn ich hier von „Kräften“ sprechen, dann bewegen ich mich wieder auf quellenmäßig sicherem Terrain:
Denn wichtiger als die optische Wahrnehmung des Gegners ist die haptische Wahrnehmung zur Erkennung seiner Intention, das sogenannte Fühlen! Die Phase, in der ich mein Information über die Absichten meines Gegenübers rein auf der Basis optischer Daten generiere, ist nämlich tatsächlich ziemlich kurz, sie erstreckt sich lediglich auf das Zufechten. Sobald aber erst einmal ein Band zwischen den Waffen hergestellt ist, öffnet sich das sprichwörtliche „Sprechfenster“ und eine Flut von Informationen ergießt sich über uns. Doch hier beginnt für einen Adepten in der Kunst des Fechtens überhaupt erst der eigentliche Kampf und das Fühlen im „indes“!
Ob der Gegner „stark oder schwach am Schwert“ ist, ob es sich um ein hohes oder ein tiefes Band handelt usw. …dies durch das Fühlen zu begreifen ist essentieller Bestandteil der Lehre Johann Liechtenauers. Ein solch grundsätzliches Prinzip, welches taktile Reizverarbeitung zugunsten der optischen voranstellt, ist allen weit entwickelten Kampfkünsten gemein. Ich würde mich zur Behauptung versteigen, dass man dafür nicht besonders gut sehen können muss. Ich möchte sogar weiter gehen und anmerken, dass ich selbst dafür ein tauglicher Beweis bin, denn ich schlage mich in den Schranken meist recht passabel und bin im fehlsichtigen Zustand keinen Deut ungefährlicher für meine Gegner wie im scharfsichtigen.

PRO: Der Vorteil dieses Ansatzes ist (Achtung, Wortspiel!) augenscheinlich: Ich mache mich von jeder Hilfe unabhängig und erkämpfe mir meine Fechterei auch ohne optische Krücke. Tatsächlich könnte man hier, wenn man will, aus der Not sogar eine Tugend machen: gerade dadurch, dass ich mich weniger auf die optische Wahrnehmung, sondern auf das Fühlen und auf ‚Indes‘ konzentriere, wird aus mir vielleicht noch eher der Fechter, der ich gerne sein möchte. Auch wenn man dazu neigt die Sehhilfe zu bevorzugen: Das Training ohne kann tatsächlich eine gute Übung sein!

CONTRA: Warum ich in der Fechthalle dennoch oft Kontaktlinsen trage? Nun, als Trainer bin ich auch für den Fechtboden und die Trainingslogistig verantwortlich. Ich muss Trainingsmaterial zurückräumen, Arbeitsblätter einsammeln, Fenster und Türen überprüfen, vergessene Sachen einsammeln und vieles mehr. Und DIESE Dinge freilich scheren sich leider nicht um schlaue Sätze über unfokussierte Wahrnehmung! ;)

Ganz gleich ob Kontaktlinse, Sportbrille oder freiwillige „Blindheit“: Niemand ist verloren und es gibt genug Möglichkeiten, um die Alltagsbrille während des Trainings in die Sporttasche zu verbannen.

Ausbildung zum Trainer der Stahlakademie

Jede Kampfkunst ist nur so gut wie der Kämpfer, der sie praktiziert. Und jeder Kämpfer ist nur so gut, wie es die Ausbildung, welche er genoss, ermöglicht. Es sind also letztendlich wir Vereinsleiter, Lehrer und Trainer, die eine Kampfkunst gestalten. Für das historische Fechten, das nicht auf eine durchgehende Tradierungslinie zurückgreifen kann, sondern von der Interpretation „wiedergefundener“ historischer Quellen lebt, gilt dieser Grundsatz doppelt. Weiterlesen

Kreuzleder selber bauen

Zu nett für’s Gefecht?

Von Frauen, vom Fechten und von weiblicher Furchtlosigkeit…

 …oder auch: Ein kritisches  Ausrümpeln der Genderklischeekiste :)

Männer rennen auf dem Laufband, Frauen walken lieber mit Stepper. Männer stemmen fette Hanteln, Frauen verbiegen sich beim Pilates. Männer gehen zum Kickboxen, Frauen zum Tai Chi. Als bekennende Genderklischeegegnerin und Verfechterin der Gleichheit der Geschlechter bin ich eigentlich der Meinung, dass die Unterscheidung in Männer-und Frauensportarten Unsinn ist… und dennoch stolpere ich in der Praxis ständig über Gegenbeweise. Warum ist das so? Weiterlesen

Tutorial: Wir modifizieren unser Schwertgehilz

Die meisten Gehilze moderner Fechtschwerter taugen wenig: Sie sind lieblos gemacht, fühlen sich nicht gut an, sehen oft unhistorisch aus und haben mehr von einem Tennisschläger als von einem Schwertgriff. Deshalb bastle ich meine Griffe gerne selbst, so wie bei diesem Schwert hier, ein “Maximilian” von GiNo. Ausgangspunkt ist eine -bereits von mir gebastelte- Belederung, mit der ich jedoch unzufrieden war. Sie sah zwar hübsch aus, war mir aber etwas zu dick geraten, so dass ich zu viel Kraft in das Festhalten der Waffe investieren musste und immer an der Sehnenscheidenentzündung entlang schrammte. Komfort geht aber vor Optik, also bestand Handlungsbedarf. Die folgende Anleitung erhebt keinesfalls den Anspruch einer authentischen Handwerksarbeit im Sinne einer musealen Rekonstruktion. Angestrebt ist lediglich eine historisch plausible Optik, jedoch bediene ich mich beim Bau mehrfach moderner Hilfsmittel, wie z.B. synthetisch gefärbtes Leder und Pattex-Leim.
Die Materialien sind: Buchenholzplättchen (8- und 6 mm), Holzkit, Sekundenkleber und Leim, farbiges Glattleder (1 mm und 3 mm) und gewachstes Flachsgarn. Weiterlesen

Wie pflege ich ein Schwert?

Ich kann mich noch gut an mein erstes Schwert erinnern, welches ich vor knapp 20 Jahren auf einem Mittelaltermarkt erstand: Es war ein ziemlich großes, zweihändiges Langschwert für den Schaukampf …und wie liebte ich es! Trotzdem sah es nach einem halben Jahr aus, als hätte es ein Jahrhundert in hessischer Erde gelegen: Braun, glanzlos und unansehnlich.
Heute weiß ich es natürlich besser und meine Trainingswaffen sind stets in repräsentablem Zustand. „Ein Handwerker hält sein Werkzeug in Ordnung“ sagt man. Das gleiche gilt für Künstler und natürlich auch für KAMPFkünstler.
Ihr habt Euch euer erstes Schwert vielleicht soeben erst gekauft und die Kohle hart vom Munde abgespart. Damit Ihr nicht den gleichen Fehler macht wie Ich damals, gibt euch Torsten ein paar fundamentale Pflegetipps. Weiterlesen

Darf es noch ein Nachschlag sein?

Seit einigen Wochen tobt in der international vernetzen HEMA-Gemeinde mal wieder die (Online-)Debatte um den sogenannten “After-Blow”. Für alle, die nicht wissen, was das ist: Es handelt sich um eine Regel für HEMA-Turniere, bei der ein Kämpfer, direkt nachdem er getroffen wurde, noch einen (manchmal auch mehrere) “Rache-Hiebe” (oder Stiche) machen darf, bevor der Kampf für beendet erklärt wird. Gelingt innerhalb eines gewissen Zeitfensters diese Revanche, wird der Gang als Doppeltreffer gewertet. Der Zweck dieser Regel ist es, den zuerst Treffenden dazu zu zwingen, einen sauberen Abzug zu fechten, ohne selber getroffen zu werden. Sie sinnlose, quasi suizidale „Treffergier“ der mit Adrenalin vollgepumpten Tunierfechter soll mit dieser Maßnahme reduziert werden.

Um ehrlich zu sein: Turniere sind mir eigentlich völlig egal. Die Lebensphase, in der ich Bestätigung durch institutionalisierten, öffentlichen Wettkampf gebraucht hätte, liegt hinter mir und eigentlich gehöre ich sowieso eher zu den Trainern, die weniger dem Versportlichungs- als mehr dem traditionellen Kampfkunst-Ansatz folgen. Warum ich die Diskussion um den Afterblow trotzdem als Aufhänger für einen Blogartikel nehme? Weiterlesen

Stahlakademie-Rabatt bei Trainingsschwerter.de

maskenthumbLiebe Akademie-Anwärter,

Ich biete Euch in der Vorbereitung zum Fechtschulbetrieb die Möglichkeit einer Sammelbestellung beim größten deutschen Versandhandel für historisches Fechten. Wer mitmacht, spart gleich zweimal: Zuerst durch die 5% Rabatt, die ich für Euch ausgehandelt habe. Und dann noch bei den Versandkosten, die für Euch komplett entfallen.
Die Aktion ist exklusiv für spätere Mitglieder der Stahlakademie gedacht. Ich halte es für eine Frage der Ehre, dass sich niemand dranhängt, der später nicht auch Mitglied werden will. Informationen zur Mitgliedschaft findet ihr auf der Seite “Mitmachen”

Wie funktioniert es?

  1. Sucht Euch auf trainingsswerter.de aus, was Euch gefällt. Ich weise die Anfänger hierbei noch einmal auf meinen Artikel “Aussrüstung für Einsteiger” hin.
  2. Schreibt mir eine Email mit Eurer Bestellung und gebt dabei Artikelbezeichnung und (wichtig!) Artikelnummer an. Außerdem natürlich die Menge, eventuelle Größen und Farbvarianten.
  3. Ich rechne euch den Rabbat aus, runde das Ganze zu meinen Gunsten auf den nächsten Euro und sende Euch eine Bestätigung mit der Stahlakademie-Bankverbindung.
  4. Ihr überweisst den Betrag dann bitte zügig und ohne Trödelei. Aus naheliegenden Gründen kann ich die Aktion erst in die Wege leiten, wenn ich von allen Bestellern das Geld erhalten habe. Ihr sitzt alle im selben Boot, seid also solidarisch und lasst die Anderen nicht warten. ;)
  5. Wenn alle bezahlt haben, tätige ich meinerseits die Bestellung und los geht’s!
  6. Bei einem meiner vielen Leipzig-Besuche in den kommenden 8 Wochen, jedoch spätestens bei Eurem ersten Training, erhaltet Ihr Eure Ausrüstung.

Liebe Grüße, Euer Torsten.