Das Lange Schwert

Das Lange Schwert ist wahrscheinlich die wichtigste Waffe der liechtenauerschen Fechttradition und steht bei uns im Mittelpunkt. Der Terminus des Langen Schwertes bezeichnet sowohl Waffe als auch Handhabung.
Spricht man von der Waffe, meint man generell ein großes Schwert mit überlangem Gehilz, wie es Links/Oben (Foto: Zornhau e.V.) in Form eines alten Originals -datiert auf ca. 1520- zu sehen ist.
Spricht man von der Handhabung, meint man die Verwendung zu Fuß mit beiden Händen, wie man es Links/Mitte anhand der Zeichnung aus einem alten Fechtbuch (Cod.icon. 394a, Hans Thalhoffer) erkennen kann. Für das Training verwenden wir möglichst originalgetreue Repliken (siehe Links/Unten, eine Arbeit von Steffan Roth), die in der Regel stumpf sind. Scharfe Schwerter besitzen -wenn überhaupt- nur Sammler oder fortgeschrittene Fechter und verwenden diese natürlich niemals im Partnertraining.

Im Gegensatz zur landläufigen Meinung über Zweihandschwerter sind diese Instrumente trotz ihrer Größe bis zu 140 cm gut ausgewogen und selten schwerer als 1500-2000 Gramm. Die “Kunst des Langen Schwertes” in der Tradition Johannes Liechtenauers ist ein schnelles, aggressives, hochkomplexes wie effektives Fechtsystem, bei dem alle Distanzen, vom weiten Zufechten bis zum harten Ringen im Nahkampf, abgedeckt werden.
Hieb, Stich und Schnitt (sie sogenannten “Drey Wunder”) werden mit dem langen Schwert gleichberechtigt praktiziert. Fünf Hauptstücke -die “Fünf Hiebe”- und zwölf weiterführende Lektionen -die Nebenstücke- sowie allerhand bewaffnete Ringkunst bilden den Kern dieses Systems. In den historischen Quellen finden sich die gleichen strategischen Grundprinzipien, die man auch von ernsthaften modernen Nahkampfsystemen kennt: “Vor vnd nach” (Initiative und Timing), “Swech vnd sterck” (Kraftvektoren, Druck), “Leng vnd Masse” (Distanzgefühl, Verhältnismäßigkeit) und “Indes”. Vor allem bei Letzterem handelt es sich um einen sehr fundamentalen, aber schwer übersetzbaren Terminus, der sowohl Gleichzeitigkeit als auch taktile Wahrnehmung und einen Zustand der Gegenwärtigkeit umschreibt.


Auffällig am Langschwertfechten ist außerdem, dass nicht allein die Klinge des Schwerts als Waffe angesehen- , sondern auch das Kreuz, der Griff und der Knauf (“Knopf”) zum Hebeln, Reißen und Werfen benutzt wird. Als Sonderweg des Schwertfechtens und als in sich geschlossenes “Kampfsystem im Kampfsystem” darf das “Kampffechten” in gotischer Plattenrüstung angesehen werden. Ausgehend von der Tatsache, dass ein schwer gepanzerter Gegner durch normale Hiebe und Schnitte kaum verletzt werden kann, entwickelten unsere Altvordern einen Fechtstil, bei dem das zweihändige Schwert mit der linken Hand an der Klinge “kurz” gefasst wird, was einen erstaunlich starken Hebel bei der Klingenbindung erzeugt. Solchermaßen umfunktioniert wird die Waffe unter Zuhilfenahme von Hebeltechniken, Knaufschlägen und dem Ringen in die Blößen der Rüstung, vor allem an den Gelenken, angesetzt um den Gegner sodann in seiner Rüstung aufzuspießen.

Schwert und Buckler

Das einhändige Schwert in Kombination mit dem Faustschild, dem sogenannten Buckler, war vom hohen Mittelalter bis in die frühe Renaissance ein Grundpfeiler der Fechtkunst. Auf den mittelalterlichen Schlachtfeldern übte sie die Funktion als Beiwehr sowohl vieler Ritter als auch Fußknechte aus, im zivilen Leben galt sie als leichte Grundbewaffnung des wehrhaften Mannes, durchaus mit militaristischem Anstrich. Ein führiges, schnelles Schwert wiegt in diesem Fall nicht mehr als 1300 Gramm, unsere Buckler (historisch valide nachgebaut), bestehen aus einem Holzkorpus mit Stahlbuckel und wiegen ungefähr genauso viel wie das Schwert.

Mit diesen Werkzeugen praktizieren wir eine wundervolle, flinke, elegante und hoch effektive Kampfkunst, getreu nach den Schriften der alten Fechtmeister. Im Gegensatz zu den meisten anderen Fechtschulen konzentrieren wir uns in unserer Quellenarbeit weniger auf das berühmte „Luitger-Manuskript“ I.33 (datiert auf etwa 1300), sondern mehr auf historische Quellen, die besser zu den anderen von uns interpretierten Schriften aus „unserem“ Fecht-Zeitfenster des 15. Jahrhunderts passen. Insbesondere sind das die Fechtstücke der Meister Andre Lignitzer, sowie derer Hans Talhoffers und Paulus Kals.

Die große Herausforderung im Gefecht mit Schwert und Buckler besteht unter anderem in der gleichzeitigen, aber oftmals unterschiedlichen Verwendung beider Waffenarme. Im Gegensatz zur landläufigen Meinung wird der Schild nicht bloß zum Blocken von Schlägen verwendet, sondern erfüllt vielseitige Funktionen, die vom Schutz der Hand im Zufechten über die Unterstützung des Drucks im Band bis hin zu aggressiven „Schildschlägen“ oder gar Ringtechniken reichen.

Ringen

Die kämpferischen Traditionen des Mittelalters wurden nicht als spezialisierte Spartenkünste, sondern als ein zusammengefasstes Allkampf-System verstanden und viele der erhaltenen Handschriften bearbeiten folgerichtig mehr als eine Waffengattung. Neben der bewaffneten Fechtkunst spielt vor allem das Ringen eine herausragende Rolle. Ringen beschreibt in seiner puren  Form den unbewaffneten Kampf Mann gegen Mann und es wird zwischen der sportlichen Variante des „geselligen“ Ringens und der härteren Variante des „ernsten Ringens“ unterschieden.

Das gesellige Ringen zielt nicht auf die Verletzung des Gegners ab, sondern arbeitet vor allem mit Griffen, Hebeln und Würfen, die dazu dienen, den Anderen aus dem Gleichgewicht zu bringen und/oder zu „pinnen“. Beim ernsten Ringen kommen zusätzlich noch harte Gelenkbrüche, Attacken auf Finger und Augen und die sogenannten „Mordstücke“ hinzu. Schläge und Tritte spielen beim mittelalterlichen Ringen eine eher untergeordnete Rolle, auch wenn sie selbstverständlich belegt sind.
Das Ringen wird nicht nur als alleinstehende Kampfkunst betrieben, sondern durchzieht auch die bewaffneten Fechtkünste: So gibt es beim Fechten mit dem Langen Schwert das sogenannte „Ringen am Schwert“ und auch aus dem Kampf mit Dolchen, Mordäxten sowie beim Fechten im Vollharnisch sind Ringen-Stücke nicht wegzudenken. Eine solide Ringkunst ist deshalb auch eine Basis für einen guten historischen Fechter.

Dolchkampf

Der Dolch des späten Mittelalters hat mit dem modernen Taschenmesser wenig zu tun. Es handelt sich um eine starke, bis zu 40 cm lange Stoßwaffe, die für den Bürger der Periode Statussymbol und Selbstverteidigungswerkzeug zugleich war. Die meisten Fechtbücher lehren den Dolchkampf mit dem Scheibendolch. Dieser ist im Grunde nichts anderes als ein langer Stahldorn mit einem geschärften Drei- oder Vierkantprofil, bei dem der Griff des Fechters durch zwei Stichblätter fixiert wird. Das Fechten mit dem Stoßdolch ist eine Stich-und Hebel-orientierte Kampfkunst, bei der der Dolch in einer Manier gehalten wird, die die moderne Kampfkunstszene als „Eispickelgriff“ kennt. Um dies zu verstehen, muss man bedenken, dass sich viele der Techniken gegen gerüstete Gegner richten und auch ein gewöhnliches Wollwams der „kleinen Eiszeit“ des 15. Jahrhunderts immer noch einen passablen Schutz gegen einfache Schnitte darstellt. Ringen und Dolchkampf gehören fest zusammen und ergänzen sich, egal ob mit oder ohne Harnisch: Man versucht, den Waffenarm des Gegner zu binden, diesen durch Hebelgriffe zu fixieren und seinerseits einen Dolchstoß anzusetzen. Auch Würfe und Entwaffnungen sind beim Dolchkampf nicht unüblich.
Stumpfe Dolche aus gedrechseltem Holz sind für die Fechtschulen der Epoche historisch belegt und fanden vor allem in der Renaissance weite Verbreitung.
Im Training der Stahlakademie verwenden wir primär Repliken dieser Holzdolche, um das Verletzungsrisiko zu minimieren.


Stange

Die halbe Stange ist der „Kampfstab“ des Mittelalters und der Renaissance, also ein einfacher, übermannshoher Stock aus elastischem hartem Holz, meistens Esche. Sie ist sowohl der Ursprung als auch die traditionelle Übungswaffe aller Stangenwaffenkünste zugleich. Das Fechten mit Speeren, Mordäxten und Hellebarden leitet sich letztendlich vom Stangentraining ab und im nicht-militärischen Kontext war die Stange sowohl ein Notbehelf zur Selbstverteidigung (Wander- Pilger und Hirtenstäbe) als auch beliebte Fechtschulwerkzeug.

Neben der großen Reichweite ist vor allem die Variabilität ein besonderes Charakteristikum der Stange: Aus der Tatsache, dass sie zwei gleich beschaffene gefährliche Enden („Orte“) hat, ergeben sich mannigfaltige Griffwechsel und Kombinationen.

In der Stahlakademie trainieren wir die Stange nach den Lehren des Meisters Andre Paurñfeyndt. In ihr wird die Stange meistens „kurz gehalten“, um größere Hebelkräfte, schnellere Links-Rechts-Wechsel und eine schnelle Verkürzung der Distanz in das Ringen zu ermöglichen.

Paurñfeyndt hat sein Kompendium von der „Ergrundung ritterlicher Kunst der Fechterey“ 1516 veröffentlicht und gehört damit bereits in die Riege der Renaissance-Meister. Nichtsdestotrotz wirkt seine Stangenkunst noch sehr ursprünglich: Nicht nur zitiert sie viele Stücke des mittelalterlichen Meisters Peter Falkner wortwörtlich, was den spekulativen Schluss zulässt, dass beide Autoren auf eine ältere, gemeinsame Tradition zurückgreifen. Auch gemahnt Paurñfeyndts breiter, eher mittiger „Frontalgriff“ der Stange an Liechtenauers Harnischkampfsystem und an das Mordaxtfechten. Sie arbeitet mit einem weitaus stärkeren Band und geringerem Abstand zum Gegner als spätere Fechtmeister wie z.B. der berühmte Spätrenaissance-Fechtmeister Joachim Meyer.

Stangenfechten macht unglaublich viel Spaß und erfordert ein hohes Maß an Kontrolle und Konzentration.