Schwerter auf dem Untersuchungstisch

Die Kampfkunst unserer Ahnen ist, das kann man nicht oft genug betonen, ein Allkampfsystem, das sich aus sehr vielen unterschiedlichen Waffenkünsten sowie dem Reiten und dem Ringen zusammensetzt. Dennoch ist es der Schwertkampf, der heute im Zusammenhang mit Fechtschulen wie der Stahlakademie sowohl nach außen hin am stärksten wahrgenommen-, als auch nach innen hin am intensivsten gepflegt wird. Dies hat zwei Ursachen: Zum einen kann gerade das Lange Schwert als DIE Kernwaffe aller spätmittelalterlichen Kampfkünste, insbesondere der Liechtenauer-Tradition, gelten. Historische Fechtbücher scheinen ihre didaktischen Systeme rund um das Langschwertfechten herum aufzubauen. Zum anderen gibt es soziopsychologische Gründe für die aktuelle Beliebtheit des Schwertes, die nicht zuletzt in einer starken symbolischen Aufladung der „Waffe Schwert“ zu suchen sind, welche durch die moderne Popkultur in Form von Literatur, Kino und Spielen geradezu erdrückend geworden ist. Am Schwert kommt auch im 21. Jahrhundert anscheinend niemand vorbei.

Für uns historische Fechter sind, abgesehen von solcherart zweifelsohne romantischem Interesse abgesehen, Schwerter vor allem Werkzeuge. Um die alten Schwertkünste so effizient wie möglich zu trainieren, bedarf es nicht nur seriösen Quellenstudiums, guten Trainingsmöglichkeiten und viel Schweiß und Einsatz, sondern auch guter Trainingsgeräte. Training und Waffe sind hier untrennbar miteinander verbunden. Was aber ist überhaupt ein „gutes Schwert“?

Obwohl die internationale HEMA-Szene inzwischen auf ein erfreulich breites Spektrum an Equipment-Produzenten zugreifen kann, ist hier noch längst nicht das letzte Wort gesprochen. Um nur einige kritische Punkte zu nennen: Wie viele Kampfsportarten steht auch das historische Fechten im Spannungsfeld zwischen „echter“ (letal intendierter) Kampfkunst einerseits und dem Wettbewerbssport andererseits …und damit überraschenderweise auch eine historische Realität ab, die es bereits im Spätmittelalter gab. Grob vereinfacht kann man sagen, dass turnierorientierte Sportfechter eher leichte, schnelle Waffen (und Fechtstücke!) bevorzugen, mit denen man maximal schnelle Kombinationen fechten und gut „punkten“ kann, während Kampfkünstler auch am Schadenspotenzial, also an Eigenschaften wie Laufruhe, Impact in das Band und (im Falle scharfer Repliken) Schnittfähigkeit eines Schwertes interessiert sind. Dazwischen gibt es natürlich auch „Mischtypen“ aller Art und allesamt gehorchen sie den gleichen physikalischen Gesetzen, die je nach Anwendungsfall anders ausgenutzt werden. Nicht unerwähnt sollte man hierbei die Tatsache lassen, dass nicht nur die moderne Turnierfechterei ein gewisses Potenzial zur Verzerrung der historischen Realität hat, sondern dass auch die Kampfkunst-Fraktion mit ihren Interpretationen alter Fechtmanuale noch oft genug daneben liegt. Falsche Technik wiederum führt natürlich auch zu falschen Anforderungen an das Equipment. All diese Ansprüche der Gemeinde erzeugen „Moden“ in der produzierenden Handwerkerzunft und beeinflussen die Art, wie ein modernes Trainingsschwert konzipiert wird.
Problematisch ist in diesem Zusammenhang dann die Tatsache, dass viele Schmiede keinen Zugang zu Originalschwertern haben und ihre Produkte nach dem Augenschein und nach groben Zahlen erstellen. Wie groß die Verzerrung der Historie sowohl hinsichtlich sowohl der Waffen als auch der Kampfkunst durch die moderne HEMA-Szene tatsächlich ist, ist nur sehr schwer zu beurteilen, aber ich tendiere zu der vorsichtigen Aussage, dass wir historischen Fechter hier, vergleichen mit anderen Kampfkünsten, deutlich seriöser und transparenter agieren.
Trotzdem (oder gerade deswegen) schadet es nicht, sich regelmäßig an der Realität zu „erden“. Meiner Meinung nach führt deshalb an der Untersuchung alter Originalwaffen absolut kein Weg vorbei. Nur, wenn wir die alten Werkzeuge der Kunst studieren, ihren Aufbau, ihre Produktionsweisen und ihre Physik verstehen, können wir die Anleitungen aus den Fechthandschriften richtig beurteilen. Und mehr als das: an dieser Stelle möchte ich anmerken, dass ich nicht nur den funktionellen, sondern auch den ästhetischen Zugang von Leuten wie Peter Johnsson sehr schätze. Schwerter sind auch Kunst, und in ihrer Kunst manifestiert sich der Geist einer Epoche. Daraus folgt: Nur, wenn wir die Ästhetik und Symbolkraft echter Schwerter in uns aufnehmen, bekommen wir auch auf sinnlicher, emotionaler Ebene ein Gefühl für die Bedeutung des Schwerts in der Kultur unserer Vorfahren.

Dies ist der Grund, warum ich in unregelmäßigen Abständen Exkursionen unternehme, um hinter den Kulissen von Sammlungen und musealen Ausstellungen alte Blankwaffen zu studieren. Dieses Jahr war wieder mal Schloss Hohnhardt und die Sammlung des Kunst- und Antikenhändlers Jürgen H. Fricker an der Reihe. Unseren kleinen Erkenntnis-Trip nennen wir die „Schwertreise“ und vier Schwerter, die wir im Besonderen studiert haben, möchte ich Euch in diesem Artikel vorstellen.

Eine Anmerkung zu den erhobenen Daten:

Wie immer bei solchen Gelegenheiten haben wir die Waffen eingehend dokumentiert und Sätze mit einer Datendichte erstellt, die es einem guten Schwertschmied erlaubt, eine relativ authentische Replik der untersuchten Waffe herzustellen. Während dies für den historischen Fechter und den ehrgeizigen Reenacter oder experimentellen Archäologen ein Segen darstellt, hat es allerdings auf eine Schattenseite: Gewissenlose Fälscher können diese Daten ebenso nutzen und zur Vorlage für pseudo-Originale verwenden, welche dann den Kunsthandel überschwemmen und sowohl wissenschaftlichen als auch wirtschaftlichen Schaden anrichten. Ich habe mich deswegen dafür entschieden, die Daten sätze nicht mehr wahllos und allgemein zu veröffentlichen. Wenn es sich bei dir, lieber Leser, um eine Person mit berechtigtem Interesse handelt (damit meinen wir: Du bist z.B. Doktorand, HEMA-Trainer, Buchautor oder ein Handwerker mit gutem Ruf)  dann schreibe uns bitte eine Email, um die Daten zu erhalten.

 

Meine persönlichen Überlegungen zu den Waffen werden ergänzt durch die persönlichen Eindrücke meines Schülers Jean-Phillipe Obst, der als Vermessungshelfer an dieser Exkursion teilnahm. Seine Texte sind kursiv markiert und wir beginnen gleich mit seinen eigenen Worten.

“Im März 2016 hieß es in einer Mail von Torsten „Schwertreise 2016“. Sehr begrenzte Teilnehmerzahl, sehr exklusives Reiseziel und für einen Wochenendausflug nicht unbedingt günstig. Als Ziel wurde Schloss Hohnhardt und dort als Gastgeber Herr Fricker genannt und das ließ mich hellhörig werden! Da gab es doch ein Video… Richtig, Torsten war mit seinem früheren Verein, dem Zornhau e.V., schon einmal zu Gast auf Schloss Hohnhardt und kam dabei bereits in den Genuss all jener Erfahrungen, die er uns jetzt „versprach“. Nach kurzer Rücksprache mit meiner besseren Hälfte war klar: Ich will dabei sein. Also schnell eine Mail an Torsten geschrieben und gehofft, dass ich einer der wenigen Glücklichen sein werde, die an dieser Reise teilnehmen dürfen. Was soll ich sagen: Ich hatte Glück und war dabei!

Zwischen diesem Auftakt im März und dem Stattfinden der Reise im August ging dann doch etwas Zeit ins Land und die Aufregung legte sich bei mir wieder etwas. Ja, ich würde in einem Schloss sein dürfen, das eigentlich nicht für die Öffentlichkeit zugänglich ist. Ja, ich würde antike Waffen sehen und die Chance haben, ausgewählte Stücke in die Hand nehmen zu dürfen. Aber irgendwie klang es jetzt nicht mehr ganz so aufregend wie zuvor. Aber das sollte sich ändern.

In der letzten Woche vor DEM Wochenende, realisierte ich dann doch so langsam, dass es bald losgehen würde. Dass ich wirklich in dieses Schloss kommen und tatsächlich Originalwaffen aus dem 14. Und 15. Jahrhundert in den Händen halten würde. Und so langsam wurde auch der wissenschaftliche Aspekt der Reise klar. Klassifizieren, messen, wiegen, detailliert beschreiben und natürlich alles dokumentieren, das waren die Aufgaben, die uns auf Schloss Hohnhardt erwarteten.“

STAF-01 (Das Kürzel steht für Stahlakademie/Fricker/Reihenfolge der Datenerfassung) war das erste an diesem Tag vermessene Schwert und stellt mein persönlicher Liebling da. Es handelt sich im ein Langes Schwert der Spätgotik, datiert auf ca. 1450. Das Schwert besticht durch seine Schlichtheit, die durch das stromlinienförmige Design von Kreuz und Knauf eher noch betont wird. Der Erhaltungszustand der wunderschönen Klinge ist nahezu perfekt und lässt die Waffe wie neu wirken. Das Klingenprofil stellt eine quasi ideale Version des Oakeshott-Typs XVIIIc dar: Lang, extrem spitz, mit einem hohen, der Klinge Stabilität und Steifigkeit verleihenden Mittelgrad und einem deutlich wahrnehmbaren Hohlschliff.

Das Schwert wird vom Besitzer als „zu anderthalb Hand“ angegeben und tatsächlich wirkt der Griff auf den ersten Blick recht kurz für ein Langschwert. Und doch ändert sich der Eindruck sofort, nimmt man es in die Hand: Der lange Knauf geht nämlich nahtlos in die Hilze über und die effektive Grifflänge beträgt, wenn man den Knauf einrechnet, gute 26 cm. Das reicht vollkommen aus, um alle bekannten Fechtstücke auszuführen. Mit über 1700 Gramm liegt die Waffe bereits im oberen Drittel dessen, was moderne Fechtschwerter schätzen. Doch durch die sehr harmonische Masseverteilung wirkt dieses Schwert in den Händen sehr lebendig und führt sich ausgesprochen sauber und schnell. Mit Herrn Frickers Erlaubnis durfte ich mit dieser Waffe einige Solo-Drills proben und kann sagen, dass dies eines der führigsten Originalwaffen ist, die ich bisher in den Händen hatte. Der Griff ist meiner Meinung nach übrigens nicht original, sondern wurde irgendwann innerhalb der letzten 150 Jahre gegen einen neuen eingetauscht und nicht nur neu beledert, sondern auch mit einem Schutzlack versehen, den ich nicht zuordnen konnte.
Das Schwert weißt einige starke Scharten auf, unter anderem auch eine sehr tiefe Kerbe im Material des Knaufes.

„Nach einem einfachen, aber sättigenden Frühstück, ging es dann auch schon an das Auschecken und schließlich auf in Richtung Schloss Hohnhardt. Von außen sahen wir nur den Eingangsbereich, der durchaus imposant wirkte – aber nicht so überwältigend, wie ich es erwartet hatte. Meine Erwartungen wurden dann aber im Inneren erfüllt! Nach dem Durchschreiten des Tores und der Begrüßung durch den Hausherrn, konnte man schon erahnen, welch wunderbarer Ort das tatsächlich ist. Doch so genau konnten wir das nicht (zumindest in diesem Augenblick) beurteilen bzw. genießen, schließlich ging es sofort in das zentrale Gebäude, den früheren Wohnturm und das Herzstück der gesamten Anlage. Dort bewahrt Herr Fricker seine Sammlung auf und dort sollten wir auch die folgenden Stunden verbringen.

Im Erdgeschoss fanden sich eine Vielzahl unterschiedlicher Rüstungen und Stangenwaffen, alles fein säuberlich aufgestellt und präsentiert. Schon hier wurde ein kleiner Traum war, sind in Museen derartige Ausstellungsstücke doch meist nur hinter Glas zu finden. Hier hatten wir die Chance einmal einen sehr genauen Blick auf solche Rüstungen zu werfen, doch dieser Blick dauerte nicht lange, denn es waren nicht diese Rüstungen, wegen denen wir hier waren. Im Obergeschoss fanden wir dann die eigentlichen Gründe unseres Hierseins: Alte Schwerter. Und davon sehr, sehr viele. Neben einer ebenfalls großen Zahl an Schuss- und Jagdwaffen, Dolchen  und ein paar Rüstgegenständen. Drei der Wände waren, im wahrsten Sinne des Wortes, mit alten Waffen bedeckt. An eine Forschungsarbeit war jetzt erst mal nicht zu denken, als erste musste alles genauestens betrachtet und bestaunt werden.“

Staf-02 wurde von mir vor allem deshalb ausgewählt, weil es ein Paradebeispiel dafür ist, dass sich gute Konzepte lange halten. Auf den ersten Blick sehen wir ein typisches Schwert der deutschen Renaissance: Kreuz und (Birnen)Knauf sind durch die Feilarbeiten des Schwertfegers mit einer starker Torsions-Ornamentik versehen und die Basis des Kreuzes zeigt die typische, mit Einschnitten verzierte „Eckigkeit“. Die offizielle Datierung vor Ort wurde mit 1550 n. Chr. Angegeben, ich hätte die Waffe etwas früher eingeordnet. Und doch gibt es starke Gemeinsamkeiten zu STAF-01! Das beginnt bereits mit der Klinge, die sich dem gleichen Typ zuordnen lässt: eine gerade zulaufende Klinge, steife mit leichtem Hohlschliff. Sowohl gut zum Stoßen als auch zum Schneiden, der perfekte Kompromiss.
Obwohl STAF-01 um die 100 Gramm mehr wiegt, fühlen sich beide Schwerter im Solo-Drill (auch hier durfte ich ausprobieren, ein eher seltenes Privileg) ähnlich an, was an einer entsprechend ausgewogenen Masseverteilung liegt.


Spannend an der Klinge war ein recht auffälliger Schmiedefehler, der sich als eine Art tiefe Furche über eine Strecke von ca. 8 cm die Klinge entlang zog. Alte Klingen besteht aus einem Schweissverbund-Werkstoff: Mehrere Barren von Ausgangsmaterial (Dies konnte vorgeschmiedeter Stahl und /oder Roheisen sein) wurden durch mehrfaches Falten und Ausschmieden zu einem homogenen Materialblock vereint. Im Gegensatz den oft verbreiteten Mythen, die sich um solch einen Schweißdamast ranken, handelt es sich hierbei um einen absolut gewöhnlichen Arbeitsschritt, zur Reinigung und Homogenisierung des Stahls dient. Die daraus resultierenden Schichtlagen sind im perfekt auspolierten Zustand nur bei entsprechendem Lichteinfach zu erkennen. Ist ein altes Schwert jedoch über die Jahrhunderte seiner Lagerung mehrfach Feuchtigkeit und anderen korrodierenden Einflüssen ausgesetzt, kann der Rost zwischen die Metallschichten geraten und diese im Laufe der Zeit herausarbeiten. War der Stahl an bestimmten Stellen zu grob homogenisiert oder waren die Schichten vielleicht nicht ausreichend gut verscheißt, kann man heute längere Sprünge im Material beobachten, so auch in diesem Fall. Ein wunderbares Beispiel dafür, wie uns auch Schäden eine Menge über die Produktionsmethoden der längst verstorbenen Handwerker verraten können. Das gilt auch für die wahrscheinliche Verwendung: Dieses Schwert hat Scharten sowohl in der Schwäche als auch in der Stärke der Klinge, nicht jedoch im Mittelteil.

„Nach einer ausführlichen Beschau der ausgestellten Stücke und ein paar einleitenden Worte durch Torsten und Herrn Fricker und nachdem die großen, leuchtenden Augen sich wieder etwas normalisiert hatten, ging es dann auch mit der eigentlich Arbeit los. Torsten wählte vier verschiedene Schwerter aus und erläuterte uns am ersten Schwert, wie wir die Vermessungen vornehmen sollten und was wir dabei zu beachten hatten. Dies war allerdings nur eine kurze Einweisung, schließlich hatten wir am Abend zuvor schon ausgiebig darüber gesprochen. Spontan fanden sich zwei Teams, die jeweils zwei Schwerter vermessen durften und zügig begann unsere Arbeit. Vorsichtig und mit Handschuhen wurden die Schwerter nun vermessen: Länge, Breite und Dicke der Klingen,  Abmessungen und Aussehen von Kreuz, Griff und Knauf, sowie noch einiges mehr. Einige Sachen wollten wir selbst nicht ausprobieren, die überließen wir lieber Torsten. So wollte beispielweise keiner von uns den Schwingpunkt ermittelt, denn dafür hatten wir zu große „Angst“ das dabei etwas schief gehen konnte. Keiner von uns wollte eines der Schwerter beschädigen, schließlich konnten wir nur erahnen, welch hohen Werte wir da in den Händen hielten. Also ließen wir lieber Torsten machen.

Aber alles ging gut, keines der vermessenen Schwerter wurde durch uns beschädigt. Was sicher einfach daran lag, das wir mit dem notwendigen Respekt und der entsprechenden Sorgfalt zu Werke gingen. Diese Waffen waren durchweg mehrere Jahrhunderte alt und das sah man ihnen teilweise auch an. Wobei, abgesehen vom 4. Stück, jedes in einem guten bis sehr guten Zustand und auch noch kampftauglich war. Torsten hatte das Glück eines von denen in einem Solodrill zu testen, dass Video dazu sollte man sich auf YouTube unbedingt anschauen. Während ich diese Zeilen schreibe, fällt mir wieder ein, wie unglaublich vorsichtig wir mit den Schwertern umgingen, immer Handschuhe trugen und sie wie zerbrechliche Eier behandelten. Der Besitzer hingegen zeigt keinerlei Zurückhaltung im Umgang mit seinen Schwertern. Da wird ein Schwert mit Ort zum Boden an die Wand gelehnt (ich möchte nicht wissen, was Torsten mit uns tut, sollte mal einer auf die Idee kommen, sowas im Training zu machen), oder der Ort gar in den Boden gestoßen und das Ganze mit einem lakonischen „Das muss es abkönnen.“ kommentiert. Aber dafür ist Herr Fricker auch der Besitzer und vor allem kennt er seine Stücke sehr genau und weiß also, was er ihnen zumuten kann und was nicht.“

 Eine kleine Anmerkung zu Phils Schilderung sei mir erlaubt: Die von Peter Johnsson in seinen Videos gezeigten Handling-Test zur Bestimmung der Schwingungsknoten („Waggle-Test“ und der Rotationspunkte sind in letzter Zeit wegen ihrer Ungenauigkeit zu Recht in die Kritik geraten. Allerdings muss man schlicht anmerken, dass uns zur Zeit keine anderen Methoden zur Ermittlung dieser Größen zur Verfügung steht… zumindest keine, die sich ohne Aufwand als Gast in einer fremden Sammlung durchführen lässt. Und auch ein Schmied, der hinterher mit den von uns ermittelten Daten arbeiten will, muss die Ergebnisse irgendwie reproduzieren können. Aber zurück zu den Schwertern:

STAF-03 war Phils Liebling. Kein Wunder, waren die überlangen Schlachtschwerter der Renaissance doch eine Waffe für besonders große und starke Fechter. Aber mit Bidenhändern ist es so eine Sache… vieles, was davon in den Vitrinen deutscher Museen und Sammlungen hängt, kann man mit Fug und Recht als völlig untauglich nicht nur zum Fechten, sondern auch zum militärischen Einsatz abtun. An der kunsthistorischen Grenze zum frühen Barock nehmen Größe, Gewicht und Verschnörkelungen dieser Parade- und Zeremonialwaffen geradezu absurde Formen an. Nicht so bei diesem Stück: STAF-03 ist ein „Slachtswert“, dass diese Bezeichnung noch verdient: Es ist vergleichsweise Schlicht im Design und, von einigen Gravuren abgesehen, auf das Allernötigste einer solchen Waffe reduziert. Die große Überraschung jedoch kommt, wenn man es in die Hände nimmt, denn dieses Schwert fühlt sich erstaunlich leicht im Griff des versierten Fechters an. Dies liegt in allererster Linie an der Klinge, die –ausgehend von einer massiven Basis inklusive Fehlschärfe- zwar lang und sehr breit, doch gleichzeitig ziemlich scharf und flach ist. Tatsächlich ist die Klinge derart flexibel, dass sie sich von selbst durchbiegt, wenn man das Schwert auf den Boden legt (daher die Unterlage im Foto). Die Masseverteilung der Waffe sorgt für eine gute Kontrolle, das Gesamtgewicht verlang aber natürlich nach großen Hieben mit stetiger Beschleunigung, deren Bewegungsmoment man sogleich in die Folgetechnik umleiten sollte. Eine Waffe zum „Slashen“ …die historisch nicht gesicherte Bezeichnung „Gassenhauer“ drängt sich durchaus auf.


Auch mit diesem Schwert durften ich  einige Gänge im Solo-Drill exerzieren. Hierzu vielleicht noch einige Anmerkungen: So etwas mache ich selbstverständlich nicht mit jedem Original, welches mir in die Finger kommt. Tatsächlich ist einen Mehrheit der Originalwaffen dafür zu beschädigt und zu instabil; und die Waffen sind natürlich auch zu kostbar, um hier irgendetwas zu riskieren. Dennoch: Wenn es sich bei einem alten Schwert nicht um einen Boden-oder Wasserfund, sondern um ein altes Erbstück, zumal eines aus dem 16. Jahrhundert, handelt, welches über die Jahrhunderte sachgemäß gelagert und gepflegt wurde, kann die Grundkonstruktion der Waffe, also das System Klinge/Angel-Kreuz-Knauf in ausgezeichnetem, nahezu neuwertigen Zustand sein. Ist dann auch noch der Griff vollständig erhalten oder wurde „kürzlich“ (also in den letzten 150 Jahren) erneuert, ist das Schwert theoretisch fechtbar und die Scherkräfte eines „trockenen“ Hiebs durch die Luft stellen kein Problem dar. Ich rate dennoch von einer Nachahmung ab. Zum einen gehört viel Erfahrung mit den alten Waffen dazu, deren Zustand und Integrität halbwegs sicher zu beurteilen, zum anderen bleibt auch dann noch ein gewisses Restrisiko.

 

„Was soll ich sagen, bei all den Vermessungen, den Fotos und dem Bewundern der Sammlung verging die Zeit natürlich wie im Fluge. Zwischenzeitlich hatte ich aber auch noch kurz die Chance, ein klein wenig mehr des Schlosses bewundern zu können. Gut, nur einen Teil, denn der andere Teil wurde von einem großen Hund bewacht, vor dem uns der Hausherr mehrfach warnte und auch Torsten wusste eine Geschichte über ein Aufeinandertreffen von ihm und dem Hund zu berichten. Beides hielt jeden davon ab, dem „verbotenen“ Bereich des Hofes auch nur nahe zu kommen. Dennoch konnte ich einen Teil der erhaltenen Burganalage und des Innenhofes bewundern. Alles war, soweit ich es beurteilen kann, liebevoll restauriert und in sehr gutem Zustand. Der Garten war teilweise etwas wild, aber dennoch gepflegt, man konnte die Sonne genießen ohne störende Nachbarn, oder Lärm. Kurzum: Ein wunderbarer Ort, um zu leben. Wenn ich mal im Lotto gewinne, dann kaufe ich mir auch ein solches Schloss! Allerdings würde ich mir vorher das 3. der von uns vermessenen Schwerter kaufen. Dieses Schlachtschwert hat es mir wirklich angetan und wenn ich über das notwendige „Kleingeld“ verfügen würde, ich hätte es direkt gekauft. Aber wer weiß? Vielleicht spare ich mir einfach Geld zusammen und lasse mir irgendwann ein Schwert nach den von uns aufgenommenen Daten schmieden.“

 STAF-04 fällt in wenig aus der Reihe, denn die ersten drei Schwerter waren allesamt späte Langschwerter, während es sich hierbei um ein Schwert des Hochmittelalters, noch dazu um ein einhändig geführtes, handelt. Der Grund, warum ich es dennoch ausgewählt habe, leuchtet jedem ein, der einen Blick auf die Bilder wirft: Das Schwert ist vom Augenschein her einfach zu großartig, um wahr zu sein und sollte die Herzen eines jeden Mittelalter-Kenners höher schlagen lassen. Und gleichzeitig lässt es mich auch voller Fragen zurück. Da dieses Schwert früher oder später einen privaten Käufer finden -und dann wahrscheinlich in der Versenkung verschwinden- wird, ist es schön, ein kurzes Schlaglicht darauf werfen zu können.

Zu sehen ist ein „ritterliches“ Schwert um 1200 n. Chr. Mit Paranuss-Knauf und einer Klinge des Oakeshott-Tyos XI. Die Oakeshott-Einteilung ist hier Verhandlungssache, Klingentyp VII würde meiner Ansicht nach gut passen, doch mit den „11ern“ assoziiert man normalerweise eher den Paranuss-Knauf. Ein schweres Stück mit langer, gerader Klinge und schmaler Hohlkehle. Schwerter dieses Typs wurden vielfach besprochen und stellen in ihrer Verbreitung durch die Bildkunst des hohen Mittelalters ein Standard-Design der Epoche dar.


Das wirklich besondere an dem vorliegenden Schwert sind jedoch die Inschriften und Ornamente, die aus einer einfachen Kriegswaffe ein religiöse aufgeladenes Symbol der Macht machen. Der Text atmet Kreuzfahrer-Luft und die Art, wie die Beschriftung von Kreuz und Knauf realisiert sind, kennen wir von berühmteren Schwertern ähnlicher Machart wie z.B. dem „Mauritiusschwert“, das zu den Kleinodien des heiligen römischen Reichs gehört und welches in der Wiener Hofburg zu besichtigen ist. Zu Beginn des Absatzes sprach ich von Fragen. Leider konnten wir zum Hintergrund dieses bemerkenswerten Gegenstands nicht mehr erfahren, als dass es aktuell aus deutschem Adelsbesitzt stammt. Und so stoßen wir an die Grenzen dessen, was der private Handel mit antiken Blankwaffen an Wissensvermittlung erlaubt, denn Verkäufer solcher Stücke neigen dazu, anonym bleiben zu wollen und schätzen es nicht, wenn man die Umstände des Verkaufs und die Provenienz solcher Stücke hinterfragt. Diese verständliche, für mich als Recherchierender aber manchmal frustrierende Intransparenz des privaten Marktes ist dazu geeignet, Spekulationen über die Echtheit solch auffälliger Stücke zusätzlich zu befeuern. Entsprechende Gutachten sind teuer, aufwendig und ohne echtes Kaufinteresse auch nicht sinnvoll. So wird dieses Stück mit Sicherheit die ein- oder andere Kontroverse auslösen. Da ich jedoch im Zweifel immer erst einmal für den Angeklagten handle, war die Untersuchung dieses Gegenstandes für mich auf jeden Fall etwas sehr besonderes.

 „Gegen 14:30 Uhr hieß es dann aber doch Abschied nehmen von Herrn Fricker, seiner Sammlung und seinem Schloss. Der Aufenthalt war sehr schön, man hat Herrn Fricker deutlich anmerken können, dass er großes Interesse an dem hatte, was wir taten und vor welchem Hintergrund wir es taten. Wann immer Torsten etwas in Bezug auf unseren Fechterhintergrund zu den Waffen sagte, nahm Herr Fricker dieses Wissen auf und gab uns im Gegenzug sein Wissen, aus Sicht eines Kunsthistorikers weiter. Ich denke, der Besuch war für beide Seiten ein wunderbarer Erfahrungsaustausch, wir alle haben an diesem Tag viel gelernt. Für mich hat sich dieser Besuch mehr als nur gelohnt, denn wann und wo darf man denn schon historische Waffen tatsächlich in die Hand nehmen? Diese Schwertreise wird mir noch sehr lange in Erinnerung bleiben und ich hoffe, dass sich mir vielleicht in ein paar Jahren nochmals die Möglichkeit ergibt, Schloss Hohnhardt zu besuchen. Eventuell habe ich bis dahin ja im Lotto gewonnen…“

Jean-Pilippe “Phil” Obst und Torsten Schneyer, September 2016.
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