Von Falken und Blindschleichen

Falkenauge

Das “Falkenauge” Paulus Kals.

„Ich hab augñ als ein valk das mã mich nit beschalk“ radebrecht Paulus Kal ungefähr 1470 in seinem Fechtbuch, dass uns heute unter der Bezeichnung Cgm 1507 erhalten geblieben ist.

Die Augen eines Falken sollen uns also davor behüten, uns von unserem Gegner hereinlegen zu lassen. Nun bringe ich persönlich zwar von Haus aus die passende Adlernase mit, doch geht es mir wie über 60% aller Deutschen: mit meiner Sehfähigkeit ist es nicht allzu gut bestellt. Ehrlicher formuliert könnte man auch sagen: Ich bin blind wie ein Maulwurf im Blitzlichtgewitter. Nicht nur habe ich eine krasse Asymmetrie hinsichtlich meiner Sehschärfe (-2,5 Dioptrien auf der linken –  und beinahe -6 Dioptrien auf der rechten Seite) und dadurch eine eingeschränkte dreidimensionale Wahrnehmung, mein rechtes Auge hat dazu noch eine um ca. 10% reduzierte Sehstärke nebst einiger blinder Flecken im Sichtfeld. Ich weiß also sehr gut, wovon ich rede, wenn ich einen Blogartikel über das historische Fechten mit optischem Handycap verfasse.

Dennoch bin ich als Trainer ziemlich gnadenlos, wenn es darum geht, meinen Schülern auf dem Fechtboden die Brillen wegzunehmen. Bevor wir uns falsch verstehen: Natürlich nicht immer und grundsätzlich! Bei vielen Übungen sind Brillen OK und erlaubt. Auch ich trage ab und an mein antikes Nasenfahrrad, während ich eine Trainingsstunde halte. Aber es gibt viele Situationen, in denen die Brillen wirklich stören. Das geht schon beim Aufwärmen los, weil wir Stahlakademiker uns sehr oft nicht einfach durch die üblichen Turnübungen auf das Training vorberreiten. sondern auch kampfbezogene, kompetative Spiele mit Körperkontakt schätzen. Niemand mag Softbälle oder die Hände anderer Fechter im Gesicht, doch mit Brille werden solche -bei uns unvermeidbaren- Situationen noch unangenehmer. Gar nicht zu sprechen vom Ringen! Das Ringen mit all seinen Griffen und der dazugehörigen Fallschule –sowie das von uns ebenfalls geschätze Boxtraining- ist absolut Brilleninkompatibel.

Am stärksten werden die Einschränkungen für Brillenträger im Freikampftraining spürbar. Nicht nur, dass hierbei in der Stahlakademie grundsätzlich Ringtechniken und auch allerhand Faustschläge erlaubt sind: Das harte Auftreffen von Schwertern, Fäusten und Ellenbogen auf der Fechtmaske ist dazu geeignet, nicht nur die Brillen zu beschädigen, sondern –schlimmer noch- auch das dahinterliegende Auge DURCH die Brille. In Einzelfällen kann eine Brille tatsächlich  zum Sicherheitsrisiko werden, Maske hin oder her.

Welche Möglichkeiten bieten sich also den Grottenolmen unter uns Kämpfern, um mit dem Problem kompetent umzugehen?

Kontaktlinsen

Kontaktlinsen sind natürlich die am nächsten liegende Lösung. Leider kursiert hinsichtlich dieser kleinen transparenten Helferlein sogar unter Sehbehinderten nach wie vor allerhand Halbwissen und Unfug. Eine unausrottbare urbane Legende scheint zu sein, dass es sich bei Kontaktlinsen um aufwendige Raketentechnik mit dem Gegenwert eines gotischen Plattenharnischs handelt. Vergoldet, versteht sich. „Zu teuer!“ höre ich oft, oder „die verliert man doch andauernd“. Dieses Missverständnis rührt von der Existenz harter Kontaktlinsen her, die tatsächlich nicht ganz billig sind, aus dem Auge fallen können und dann unter Umständen auf dem Boden zerschellen (been there, done that). Was aber viele nicht wissen: Weiche Kontaktlinsen sind im Gegenzug sehr anschmiegsam und legen sich ziemlich anhänglich an unsere Augäpfel. Und was anscheinend noch weniger Leute wissen: Es gibt sehr günstige Monats- und sogar Zwei-Wochen-Linsen, die man sich als Wegwerfware zulegen kann. Man lässt sich beim ersten Besuch des Optikers die aktuellen Sehrwerte ausmessen und kann mit diesen dann immer wieder neuen Nachschub kaufen.

Kontaktlinsen

Kontaktlinsen: Sehr kampfkunstfreundlich und ziemlich günstig.

Ich selbst trage zum Training oft die weiche Zwei-Wochen-Variante. Und zwar NUR  zum Training, denn außerhalb des Fechtbodens bevorzuge ich meine Franz-Schubert-Gedenkbrille. Der springende Punkt hierbei ist: Die Kontaktlinsen kosten mich läppische 10.-€ pro Paar, und weil ich sie nicht im Alltag, sondern nur zum Training trage, halten sie weitaus länger als die vom Hersteller versprochenen zwei Wochen. Man kann solch ein Paar bei guter Pflege bequem bis zu drei Monate ausreizen. Bei diesem günstigen Preis macht es auch nichts, wenn man doch mal eine Linse verliert (bei mir passiert das nicht beim Fechten, sondern meist unter der Dusche. Oder ich versäume es, die Aufbewahrungsbox richtig zu verschließen, was zur Austrocknung der Linsen führt) und ich habe immer einen kleinen Vorrat daheim.

PRO: Die Vorteile sind nicht nur der geringe Preis, sondern auch ein absolut freies Gefühl beim Fechten. Mit Kontaktlinsen hat man beste Sicht auch in den haarigsten Kampfsituationen, ganz so als hätte man gar keine Sehbehinderung. Für mich also die ultimative Sehhilfe zum Sport!

CONTRA: Auf der Seite der Nachteile ist ein gewisser Pflegeaufwand: Reinigt man die Linsen nicht richtig oder bewahrt sie falsch auf, verbringt man die Trainingsstunde als heulender Allergiker mit roten Augen. Auch ist es nicht jedermanns Sache, die Dinger an- und wieder abzulegen. Man mag ein harter Schwertkämpfer sein, aber beim kaltblütigen Griff zum eigenen Augapfel hört für so manchen Freund gefährlicher Metallgegenstände der Spaß auf…

 

Sportbrille

Ältere Semester, die in den 70er- und 80er Jahren sozialisiert wurden, verbinden mit dem Begriff „Sportbrille“ vielleicht eine normale Brille mit einem etwas stärker gebogen Bügel und einem daran befestigten dicken Band. Diese Ausführung meine ich nicht, ich spreche natürlich von modernen Sportbrillen. Auch hier gibt es große Unterschiede und nicht jedes Modell halte ich in unserem Sinne für tauglich. Sportbrillen, die ich für den Kampfsport empfehle, sind von etwas robusterer Natur und haben keine Bügel, sondern ein breites Band. Sie bestehen aus einem breiteren Rahmen eines sehr festen, bruchsicheren Kunststoffes und liegen direkt am Gesicht auf. Hierin ähnlichen sie Sicherheitsbrillen aus dem Labor oder handwerklichen Betrieben. Diese Brillen verbiegen sich nicht bei einem unglücklichen Zusammenstoß und durch die breite Auflagefläche wird die kinetische Energie des Treffers auf eine vergleichsweise große Fläche des Gesichts übertragen. In dieser Hinsicht sind Sportbrillen sozusagen „kleine Fechtmasken für die Augen“.

Für konservative Gewohnheitstiere: Die Sportbrille.

Für konservative Gewohnheitstiere: Die Sportbrille.

Durch ihre etwas klobige, maskenhafte Optik sind Sportbrillen nicht für den Alltag gedacht, aber für ein ordentliches Training oder ein Wochenendseminar sind sie allemal gut. Man bestellt sie, genau wie ein normales Brillengestell, beim Optiker oder im Internet. Die Gläser werden auf Bases der Sehwerte angefertigt und in das Gestell der Wahl montiert. Die Preise sind moderat und variieren stark irgendwo zwischen 60.-€  und 200.-€, je nach Marke.

PRO: Sportbrillen sind ideal für Fechter mit Kontaktlindenphobie, denn sie unterscheiden sich in ihrer Verwendung in Nichts von dem, was ihr Benutzer sonst gewohnt ist: Alltagsbrille ausziehen, Sportbrille anziehen! Positiv ist außerdem, dass man sie bequem und sicher unter der Maske tragen kann. Ist man ein weit fortgeschrittener Fechter und hat sich ein besonders robustes, vertrauenswürdiges Modell zugelegt, bekommt die Nutzung der Sportbrille sogar noch eine zusätzliche Dimension: Bei schnellen Technikübungen oder langsamen Freikampf ohne jede Schutzkleidung (Inzwischen gibt es Fechter, die dies sogar mit scharfen Schwertern pflegen) ist eine Sportbrille unter Umständen der Gegenstand, der im Fall eines Unglückstreffers über den Verbleib des Augenlichts entscheidet.

CONTRA: Der Nachteil einer Sportbrille ist der, dass es sich nach wie vor um eine Brille handelt. Auch Sportbrillen können verrutschen (wenn auch nicht so leicht wie normale Brillen) und beim Ringen sind sie auch nur bedingt brauchbar. Nicht zuletzt sind sie ein weiterer Gegensand in der Sporttasche und man kann sie in der Fechthalle vergessen.
Und ein weiterer Nachteil soll nicht verschwiegen werden: Unter bestimmten Umständen können Sportbrillen von innen anlaufen, vor allem dann, wenn starke Temperaturunterschiede (Training im freien, schweißtreibender Freikampf) im Spiel sind. Zwar haben die meisten Modelle entsprechende Öffnungen zur Ventilation, aber dennoch habe ich mehrfach Fechter mit vernebelten Sportbrillen gesehen.

 

Training ohne Sehhilfe

Im letzten Drittel  dieses Artikels möchte ich die Leserschaft auf eine weitere Möglichkeit hinweisen, die leider viel zu wenig beachtet wird und die ich an dieser Stelle gerne zur Diskussion stellen möchte: Der komplette Verzicht auf Sehhilfen im Training! Klingt das unsinnig oder gar gefährlich? Mag sein, ist es aber keineswegs!

Als ich vor ungefähr 20 Jahren durch den Kendo-Sport meine ersten Berührungen mit bewaffnete Kampfkunst hatte, schärfte uns unser Sensei etwas ein, was er „unfokussiertes Sehen“ nannte. Es ging ihm dabei darum, mit dem eigenen Blick weder der Waffe des Gegners zu folgen, noch sich durch das Anstarren bestimmter Details ablenken zu lassen. Er erklärte mir, dass es darauf ankäme, den Gegner als Ganzes zu erfassen, seine Bewegungen instinktiv und ohne bestimmten Aufmerksamkeitsfokus wahrzunehmen.
Der Samurai und Schwertfechtmeister Miyamoto Musashi schreibt dazu in seinem historischen „Buch der Fünf Ringe“: „Noch wichtiger ist der Satz: Das Langschwert des Gegners erkennt man, aber man sieht es nicht, nicht im geringsten. Dieser Blick ist der gleiche in der kleinen Kampfkunst gegen einen (Anm.: Musashi meint damit das Duell Mann gegen Mann) wie in der großen Kampfkunst gegen viele. Ohne die Augäpfel zu bewegen, soll man beide Seiten, rechts und links, im Blick behalten.“

In den europäischen Quellen zum Schwertfechten habe ich zu diesem Thema, außer impliziten, indirekten Hinweisen, leider wenig gefunden. Trotzdem möchte ich jedem praktisch veranlagten Leser diese instinktive Art des Sehens, welche übrigens auch jedem traditionellen Bogenschützen bekannt sein dürfte, dringend ans Herz legen!

Meine Gegner sehe ich oft nur so: Verschwommen. Doch das ist volkommen ausreichend!

Meine Gegner sehe ich oft nur so: Verschwommen. Doch das ist volkommen ausreichend!

Denn tatsächlich kann es uns vom Wesentlichen des Kampfgeschehens ablenken, wenn wir uns zu sehr auf den optischen Aspekt konzentrieren. Jeder halbwegs erfahrene Fechter starrt daher nicht auf die gegnerische Waffe (Das berühmte Liechtenauer-Zitat „Wer nach geht Häuen darf sich Kunst wenig freuen“ könnte man auch, zugegeben etwas frei, dementsprechend auslegen), sondern nimmt seinen Gegner diffus, aber dafür ganzheitlich als komplexes Konglomerat aus Haltung, Intention, Bewegung… und vor allem aus Kräften war. Und wenn ich hier von „Kräften“ sprechen, dann bewegen ich mich wieder auf quellenmäßig sicherem Terrain:
Denn wichtiger als die optische Wahrnehmung des Gegners ist die haptische Wahrnehmung zur Erkennung seiner Intention, das sogenannte Fühlen! Die Phase, in der ich mein Information über die Absichten meines Gegenübers rein auf der Basis optischer Daten generiere, ist nämlich tatsächlich ziemlich kurz, sie erstreckt sich lediglich auf das Zufechten. Sobald aber erst einmal ein Band zwischen den Waffen hergestellt ist, öffnet sich das sprichwörtliche „Sprechfenster“ und eine Flut von Informationen ergießt sich über uns. Doch hier beginnt für einen Adepten in der Kunst des Fechtens überhaupt erst der eigentliche Kampf und das Fühlen im „indes“!
Ob der Gegner „stark oder schwach am Schwert“ ist, ob es sich um ein hohes oder ein tiefes Band handelt usw. …dies durch das Fühlen zu begreifen ist essentieller Bestandteil der Lehre Johann Liechtenauers. Ein solch grundsätzliches Prinzip, welches taktile Reizverarbeitung zugunsten der optischen voranstellt, ist allen weit entwickelten Kampfkünsten gemein. Ich würde mich zur Behauptung versteigen, dass man dafür nicht besonders gut sehen können muss. Ich möchte sogar weiter gehen und anmerken, dass ich selbst dafür ein tauglicher Beweis bin, denn ich schlage mich in den Schranken meist recht passabel und bin im fehlsichtigen Zustand keinen Deut ungefährlicher für meine Gegner wie im scharfsichtigen.

PRO: Der Vorteil dieses Ansatzes ist (Achtung, Wortspiel!) augenscheinlich: Ich mache mich von jeder Hilfe unabhängig und erkämpfe mir meine Fechterei auch ohne optische Krücke. Tatsächlich könnte man hier, wenn man will, aus der Not sogar eine Tugend machen: gerade dadurch, dass ich mich weniger auf die optische Wahrnehmung, sondern auf das Fühlen und auf ‚Indes‘ konzentriere, wird aus mir vielleicht noch eher der Fechter, der ich gerne sein möchte. Auch wenn man dazu neigt die Sehhilfe zu bevorzugen: Das Training ohne kann tatsächlich eine gute Übung sein!

CONTRA: Warum ich in der Fechthalle dennoch oft Kontaktlinsen trage? Nun, als Trainer bin ich auch für den Fechtboden und die Trainingslogistig verantwortlich. Ich muss Trainingsmaterial zurückräumen, Arbeitsblätter einsammeln, Fenster und Türen überprüfen, vergessene Sachen einsammeln und vieles mehr. Und DIESE Dinge freilich scheren sich leider nicht um schlaue Sätze über unfokussierte Wahrnehmung! ;)

Ganz gleich ob Kontaktlinse, Sportbrille oder freiwillige „Blindheit“: Niemand ist verloren und es gibt genug Möglichkeiten, um die Alltagsbrille während des Trainings in die Sporttasche zu verbannen.